Quartier

Gut leben im Alter – haben wir alles falsch gemacht?

130 Gäste waren da, darunter auch zahlreiche Wandsbeker*innen

Begrüßung bei der gemeinsamen Veranstaltung von Grünen 60plus und der Heinrich-Böll-Stiftung

Wow, es war einfach überwältigend: Für unsere Veranstaltung „Gut leben im Alter – mit neuen Quartierskonzepten“ hatten die Grünen 60plus einen Raum für 80 Leute gebucht. Der war zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn rappeldicke voll. Und draußen stand immer noch eine lange Schlange vor dem Eingang zum Campus Uhlenhorst*!

Eigentlich hätte ich die Veranstaltung natürlich total gern in Wandsbek gemacht. Aber alle größeren, stadtnahen Räume, die wir anfragten, waren 2 Monate vor dem Termin ausgebucht!

Also gingen wir auf die Uhlenhorst, und fanden dort einen wunderbaren Raum, der zum Glück erweitert werden konnte. 130 Gäste waren schließlich da! In der Elbvertiefung war die Veranstaltung angekündigt und Tide Radio nahm alles auf.

Neue Quartierskonzepte auch für Ältere scheint sehr viele Menschen zu interessieren.  Schließlich wollen alle in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Wir haben deshalb nach neuen Ansätzen im Quartier gesucht – und sie auch gefunden. Wie zum Beispiel den ambulanten Pflegedienst Buurtzorg (sprich: Bürtsorg), deren Gründer zu Beginn ihrer Arbeit sagten: Alles, was wir tun, ist komplett falsch – und dann das System völlig umgekrempelt haben. Aber davon später mehr.

Der Abend begann mit einem Vortrag von Mathilde Hackmann, Studiengruppenleiterin an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit&Diakonie. Sie erklärte, warum das Quartier gerade für ältere Menschen so wichtig sei und dass wir unseren Blickwinkel ändern müssen: Weg vom alleinigen Blick auf Ältere als Umsorgte, hin zur Sichtweise als Sorgeleistende. Denn jeder Mensch hat das Bedürfnis für andere eine Bedeutung zu haben. Im siebten Altenbericht** der Bundesregierung werden die Kommunen deshalb aufgefordert, Aufgaben der Pflegekassen zu übernehmen. Das wäre doch auch ein interessanter Ansatz für uns!

Selbstständigkeit fördern will auch die neue Initiative Sozialraumorientierung QplusAlter***. Sogenannte Quartiers-Llots*innen sollen ältere Menschen unterstützen, zurechtzukommen, auch im höheren Alter. Sie sollen Hilfe zur Selbsthilfe geben, besprechen, wen man ansprechen kann – aber z.B. nicht selber die kaputte Glühbirne auswechseln.

Beklagt wurde während der Diskussion, dass es zwar offenbar bereits Quartierskonzepte in einigen Stadtteilen gäbe, aber die Menschen vor Ort viel zu wenig darüber wüssten. Das hören wir auch in Wandsbek immer wieder.

Grüne Seniorensprecherin der Hamburger Bürgerschaft erzählt von tollen Projekten, die es schon gibt – die aber viele nicht kennen

Souveräne Moderation durch unseren Profi Gabriele Heise, früher NDR info

In Altona ist das Problem schon ganz gut gelöst, dort wurde altonavi gegründet, das Infozentrum und Freiwilligenagentur zugleich ist. Alle Aktivitäten werden dort gebündelt und können in einem Ladenlokal mitten im Quartier nachgefragt werden, ganz einfach, ohne Anmeldung. Das wird auch von vielen älteren Menschen mit Migrationshintergrund wahrgenommen.

Unsere grüne Seniorensprecherin in der Hamburger Bürgerschaft, Christiane Blömeke ergänzte und erzählte u.a. von LeNa, einer Abkürzung für lebendige Nachbarschaft. Das Modellprojekt der SAGA gibt es bisher in Steilshoop, Horn und Barmbek und will selbstbestimmtes Wohnen in der eigenen Mietwohnung gewährleisten. Zentrale Anlaufstellen sind ein Nachbarschaftstreff, ein Nachbarschaftsbüro und ein Quartiersbüro. AniTa eine online-Plattform, macht den Austausch zwischen pflegenden Angehörigen möglich. Knapp 30% aller erwachsenen Kinder wohnen mehr als 100 Kilometer von ihren Eltern entfernt und könnten sich nicht regelmäßig kümmern. Pflegestützpunkte unterstützen in allen Fragen rund um das Thema Pflege – unabhängig von der Kassenzugehörigkeit oder dem Bezug von Sozialleistungen. Mehrgenerationenhäuser sind Treffpunkte für Jung und Alt im Stadtteil. Besuchspatenschaften werden u.a. von Freunde alter Menschen angeboten. Kulturisten-hoch2 lädt Seniorinnen und Senioren mit kleiner Rente ein, regelmäßig und kostenlos, gemeinsam mit einem jungen Menschen aus dem gleichen Stadtteil, die kulturelle Vielfalt Hamburgs zu nutzen. Der Verein Wege aus der Einsamkeit bietet gratis digitale Seminare speziell für Menschen 65plus an. Und organisiert in Hamburg mit anderen Gruppen (die GRÜNEN 60plus sind auch dabei) den Weltseniorentag am 1. Oktober in einem coolen Club.

Dieser Teil war schon höchst spannend und trotz Enge und Wärme waren alle voll dabei. Das Highlight des Abends kam dann natürlich mit Johannes Technau von Buurtzorg: ein ambulanter Pflegedienst aus den Niederlanden, der übersetzt Nachbarschaftshilfe bedeutet und gerade weltweit den Pflegemarkt umkrempelt. Auch in Deutschland gibt es inzwischen vier Pilotprojekte.

Johannes Technau von Buurtzorg aus Münster

Alle Referenti*nnen, die Moderatorin und die Drahtzieher*innen

„Der Unterschied zum herkömmlichen System ist die Abkehr vom Abarbeiten vorgegebener Pflegestandards, alle Hilfe ist ausgerichtet am autonomen Leben, das ist das Ziel“, sagt Johannes Technau. „Der große Unterschied in der Organisation sind die hierarchiefreien Teams, die gemeinsam für gute Pflege verantwortlich sind. Für uns Deutsche ist das nicht einfach, in den Niederlanden gibt es generell weniger Hierarchien als hier.“

Bei uns kommt das Geld vor allem von den klammen Pflegekassen, die für Pflegeleistungen der Versicherten – je nach Pflegegrad – aufkommen. Um Geld zu verdienen, muss man also möglichst viele Leistungen in möglichst kurzer Zeit erbringen, so Technau. Deshalb sparen viele Pflegedienste bei den Personalkosten. Mit dem Ergebnis, dass Pfleger*innen und Gepflegte gleichermaßen frustriert sind. Das ist beim Non-Profit-Pflegedienst Buurtzorg anders. Und unter dem Strich auch nicht teurer, da die Honorare für die Profis zwar höher sind, die Patient*innen aber zu mehr Selbstständigkeit angeregt werden. Also mehr selber machen können.

Und dickes Plus: In den Niederlanden waren bei 10.000 Pflegekräften nur 50 Mitarbeiter*innen in der Verwaltung notwendig für Miete, Verträge, Lohnbuchhaltung (siehe Bild links, das Verhältnis zwischen Pflegekräften=grün und Verwaltung=gelb). Das meiste organisieren die Teams selbst. Maximal 12 Pflegekräfte sind in einem Team organisiert in einem begrenzten Umfeld. Vorbild war die Gemeindeschwester, die es früher auch bei uns gab. Bei Konflikten helfen Teambegleiter, aber nur im Notfall. In der Regel kriegen die Teams alles allein hin.

Beim Come together gab Wein, Saft und Wasser und ganz viel Knabberzeug

Inzwischen hat Buurtzorg in den Niederlanden 14.000 Mitglieder und Modellprojekte überall auf der Welt. So einfach kann es also sein!

Grün sind die Pfleger*innen, ganz rechts außen die Verwaltung als gelber Strich. Beeindruckend, das Verhältnis, oder?

Nach der Diskussion ging es weiter mit kleinen Gesprächen beim Come together mit Wein, Saft oder Wasser und Knabberzeug. Viele Gäste hatten sich in Listen eingetragen, um eine schriftliche Zusammenfassung der Veranstaltung und Adressen zu bekommen. Alle Grünen 60plus gingen am Ende beseelt nach Hause. Ein Ansatz für grüne Pflege, der sich hoffentlich bald durchsetzen wird!

 

Frühstück mit #AnjesTjarks

Zimmer A neben der Fraktion mit Blick auf den weihnachtlich dekorierten Rathausmarkt (am 26.11. öffnet der Weihnachtsmarkt)

Dennis Paustian-Döscher mit Maryam Blumenthals Baby Yasha

Anjes hatte den Wandsbeker Kreisvorstand und die Fraktion  eingeladen, um in kleiner Runde zu besprechen, was uns vor Ort bewegt. Welche Themen beschäftigen uns und was soll davon in den politischen Alltag einfließen? Was sollte die Grüne Bürgerschaftsfraktion noch anpacken, um Hamburg weiterhin zu einer lebenswerten Stadt zu machen?

Unsere Kreisvorsitzende und Parlamentarische Geschäftsführerin, Maryam Blumenthal, Ulla Martin und Dennis Paustian-Döscher, beide ebenfalls von der Fraktion und ich (Mitglied im Kreisvorstand) waren dabei. Mir liegt besonders das gute Zusammenleben von Jung und Alt im Quartier am Herzen. Anjes erzählt, dass in Altona diesbezüglich gerade viel passiert: Es wird ein inklusives Quartier gebaut, mit Fahrstühlen in den Häusern, mit ebenen Wegen ohne Bordsteine, Begrenzung ist das Bodenleitsystem für sehbehinderte Menschen, einem eigenen Mobilitätskonzept, Schulen und Kitas in der Nähe. Das soll „role model“ für ganz Hamburg werden!

Außerdem gibt es eine tolle Nachbarschaftsinitiative, Altonavi, die Anwohnerinnen und Anwohner über Angebote und Nahversorgung in Altona informiert. Wo gibt es Unterstützung, welche Behörden sind zuständig? Altonavi kennt Vereine und Initiativen, bei denen man sich engagieren kann und informiert über: Bildung, Kunst und Kultur, Wohnen, Gesundheit, Pflege und Assistenz, Arbeit und Beschäftigung, Religion und Spiritualität, stadtteilnahen Handel und Handwerk.

Dr. Ulla Martin, Maryam Blumenthal, Dennis mit Baby Yasha – das bei Politik-Talk bestens schlafen kann

Dr. Anjes Tjarks hat ins Rathaus zum Frühstück geladen – neben ihm die nette neue Mitarbeiterin Tugce Basduran

Echt ein tolles Projekt – wär das nicht auch etwas für Wandsbek?

Weiter gehts mit der Mobilität in Hamburg. Der Bezirksseniorenbeirat in Wandsbek wünscht sich sicherere Radwege, besonders auf Radschutzstreifen (die schmalen, mit der gestrichelten Linie) fühlen sich viele ältere Radler*innen nicht wohl. Anjes weist auf eine aktuelle Umfrage hin, nach der sich die Mehrheit der Hamburger*innen über die Radoffensive der Bürgerschaft freut. Was nicht bedeutet, dass sich nicht trotzdem viele mehr Sicherheit wünschen. Obwohl Radfahren von der Faktenlage her so sicher ist, wie nie zuvor.

Mit einfachen Mitteln könnte man die Radwege aber noch sicherer machen. Z.B. große Spiegel an Kreuzungen aufbauen, um PKWs und Lastern beim Rechtsabbiegen den Blick auf den Radweg zu erleichtern. Denn, das ist ja bekannt, beim Abbiegen passieren die meisten gefährlichen Unfälle, während auf gerade Strecke so gut wie alles im grünen Bereich ist. Auch die farbliche Kennzeichnung der Radwege an Kreuzungen würde zur Sicherheit beitragen. Gute Ideen! Viele Radler*innen wünschen sich auch bessere Park-Möglichkeiten mit festen Bügeln, an die sich Räder diebstahlsicher anschließen lassen.

Zum Schluss ging es noch darum, wie wir uns für die Bezirkswahlen aufstellen – da wissen wir im Januar mehr, wenn Wahlkreise und Bezirksliste gewählt werden. Mein Eindruck: Offenes Gespräch bei leckerem Frühstück im schönen Besprechungszimmer A, mit Blick auf den Rathausmarkt, wo gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Gutes Format!