Unsere Demokratie darf nicht zerstört werden

Liebe Wandsbeker*innen,

spätestens seit dieser Woche verbindet man mit Chemnitz, der ehemaligen „Karl-Marx-Stadt“, gemischte Gefühle: Wut, Trauer, Angst und Fassungslosigkeit machen sich angesichts der Bilder aus Chemnitz in der ganzen Bundesrepublik und darüber hinaus breit.

Nachdem am vergangenen Sonntag ein 35-jähriger Mann vermutlich von einem 23-jährigen Syrer und einem 22 Jahre alten Iraker mit mehreren Messerstichen getötet wurde, befindet sich Chemnitz im Ausnahmezustand.

Gegen die beiden Tatverdächtigen wurde, wie in einem funktionierenden Rechtsstaat üblich, Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags erlassen.

Dieser sinnlose Tod eines Familienvaters, dessen Vita so gar nicht zur fremdenfeindlichen Ideologie der Rechtsextremen passen will, macht natürlich wütend. Es macht natürlich wütend, dass der Hauptverdächtige bereits mehrfach vorbestraft war und dennoch die Möglichkeit hatte, einen Menschen so brutal aus dem Leben zu reißen.

Daniel H. war Tischler, er warnte auf seinem Facebookprofil vor Hetze gegen andere Religionen und sein Vater war Kubaner. Demnach passte er schon optisch nicht in die Ideologie des nun aufschreienden rechten Mobs.

Maryam Blumenthal ist Vorsitzende der GRÜNEN Wandsbek

Doch kaum ein paar Stunden vergangen, wurde der tragische Tod von Daniel, der selbst zu Lebzeiten Konflikte mit der Chemnitzer Rechtsextremenszenen hatte, durch interessierte politische Kreise ausgenutzt: Die rechtspopulistische Gruppe „Pro Chemnitz“, aber auch AFD, Pegida und Vereinigungen aus der Neo-Nazi-Szene riefen zur Demonstration auf.

Tausende Menschen folgten dem Ruf, zogen wütend durch die Chemnitzer Innenstadt und verbreiteten ihren Hass, als wenn sie für solch eine Gelegenheit in den Startlöchern gestanden hätten. Wütende, brüllende, Angst einflößende Gesichter, die „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ rufen und Menschen mit vermeintlich ausländischem Aussehen jagen und Polizisten, die sichtlich überfordert waren – diese Bilder sind es, die nun um die Welt gehen und der ganzen Welt zeigen: Ja, wir haben in Deutschland definitiv ein Problem!

Freunde von Daniel H. betonen in der Öffentlichkeit, dass dieser mit der rechten Szene absolut nicht in Verbindung gebracht werden wollte, sogar selbst mit dieser Probleme hatte. Doch dies hindert offenbar weder AFD, noch den wütenden Mob daran, den Tod eines Menschen für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Im Laufe der Woche schaukelte sich die Situation in Chemnitz immer wieder hoch, rechte Demonstranten brüllten durch die Straßen, Gegendemonstranten betonten, dass in Chemnitz, in Deutschland, kein Platz mehr für Rassismus sei.

Wenn ich die Bilder der vergangenen Woche sehe, werde ich nicht nur wütend, ich bekomme auch Angst. Ich sorge mich um die Zukunft unserer Kinder. Gleichzeitig stelle ich mir auch vor, was mit mir in den letzten Tagen passiert wäre, wenn ich in Chemnitz gewesen wäre. Ich fühle mich angesprochen, wenn Menschen rufen „Wir kriegen euch!“. Wenn man einem 7-Jährigen den Begriff „Rassismus“ erläutern will, dann merkt man spätestens, welche Absurdität hinter dieser Ideologie steckt. Ich habe in den vergangenen Tagen so viele Beiträge gesehen und gelesen und immer, wenn ich dachte, schlimmer geht es eigentlich nicht, hat ein Nazi (Ja, das sind Nazis!) noch heftigere Worte in die Kamera gesprochen. Es geht schon lange in Chemnitz nicht mehr um Daniel H., um zwei geflüchtete Männer oder um Recht und Unrecht. Ging es wohl nie. Es geht um puren, lange vor sich hin köchelnden Rassismus, um eine Ideologie, die eigentlich tot sein sollte, doch wie ein Krebsgeschwür über unserer Demokratie schwirrt.

Ich frage ich mich, ob AfD-Höcke, wenn er bei Demos an vorderster Front mitläuft, wirklich ein Deutschland möchte, welches die Menschen, die hinter ihm brüllen, als Gesicht hat!? Was für ein Deutschland soll das sein, in dem Menschen, zerfressen von ihrer Wut und ihrem Frust, grölend und aggressiv Hass verbreiten?

Solch ein Deutschland möchte ich mir gar nicht vorstellen. Ich möchte nicht, dass unsere Demokratie von der AfD oder von irgendwelchen anderen hasserfüllten Kleingeistern zerstört wird. Das Grundgesetz hat für mich und jeden Demokraten oberste Priorität, es bildet die Grundlage eines vielfältigen Zusammenlebens. Es macht deutlich, dass in unserem Land kein Platz für Nazis ist.

Und wenn wir meinen, dass nur Chemnitz oder Sachsen ein Problem hätte, dann haben wir aus der Geschichte nichts gelernt. Jetzt ist nicht die Zeit, sich zurück zu lehnen und sich eines weltoffenen und bunten Hamburgs zu erfreuen, während im selben Land Menschen den rechten Arm heben und Parolen schwingen, die längst verbannt sein müssten. Wir haben jetzt alle die Aufgabe, uns gegen die Tritte auf unsere Demokratie aufzurichten, laut aufzuschreien, die Zukunft nicht den Nazis und Hetzern zu überlassen.

Wehret den Anfängen!

Eure Maryam

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1 Kommentar

  1. Holger Gundlach

    „Ich frage ich mich, ob AfD-Höcke, wenn er bei Demos an vorderster Front mitläuft, wirklich ein Deutschland möchte, welches die Menschen, die hinter ihm brüllen, als Gesicht hat!?“
    Ich frag mich das nicht (mehr).