StadtNaturtagung des NABU

Tobias Hinsch, Geschäftsführer NABU Hamburg begrüßt am 10.11.2017 fast 80 Teilnehmer auf der StadtNatur-Tagung in Rothenburgsort bei Hamburg Wasser.

Die derzeitige Baupolitik des Senats in Hamburg ist zum einen das Thema der StadtNatur-Tagung: wie wirkt diese sich auf die Natur und Menschen aus? Zum anderen wird in den Vorträgen von Delegierten aus verschiedenen Gestaltungsebenen Hamburgs, Niedersachsens und Berlin über aktuelle Zustände der Stadtnatur berichtet. Schließlich werden Möglichkeiten vorgestellt, wie sich städtische Zivilisation und Natur miteinander arrangieren können.
Auch wird über Potentiale bei der Stadtplanung und Landschaftspflege, sowie Handlungsempfehlungen berichtet.
Alexander Porschke, erster Vorsitzender NABU Hamburg leitet die Vortragsreihe zunächst ein, indem er zu der derzeitigen Baupolitik Stellung bezieht: anhand von Grafiken und Bildern beschreibt er den Flächenfraß in und um Hamburg in den letzten fünfzig Jahren. Eines der derzeitigen Hauptprobleme liegt seiner Ansicht nach in der gezielten Befeuerung der Zuwanderung. Durch den derzeitigen Bürgermeister Olaf Scholz sind für die Kampagne
„Hamburg wachsende Stadt“ 180 Mitarbeiter eingestellt worden. Weltweit soll für die Marke „Hamburg wachsende Stadt“ Reklame gemacht werden. Herr Scholz habe auch mehrfach ausgesagt : „Wir wollen niemals mehr mit dem Bauen aufhören.“ Die Bevölkerung werde durch unklare Beschreibungen der Bauvorhaben im Dunklen gelassen. So werde zum Beispiel von Frau Stapelfeldt, Bausenatorin, SPD, vermittelt, dass die Stadt nach außen wachse. Genaugenommen bedeutet dies nach Herrn Porschkes Aussage: „Es wird in Landschaftsschutzgebieten gebaut.“ Dieses passiere zudem schleichend nach dem Prinzip der Salamitaktik, sodass die Menschen immer wieder beschwichtigt werden: „Hamburg ist doch noch so grün….“

Herr Porschke beschreibt auch die unsoziale Komponente dieser Art von städtischer Planung gegenüber den benachbarten Bundesländern: zum Beispiel müssen deren Schulen schließen, weil die Menschen wegen schlechter Lebensverhältnisse wegziehen. Herr Porschke zeigt, dass es nicht richtig ist, wenn die Wirtschaft alleine in Hamburg florieren soll: „Warum soll Wilhelmshaven nicht von seinem Containerhafen profitieren dürfen, sondern nur Hamburg?“ . Es ist seiner Meinung nach keine Lösung, dass Hamburg alle Menschen aufnehme, denen es wirtschaftlich nicht gut ginge.

Hier sei es auch die Aufgabe von Bund und Ländern, für gleiche Lebensverhältnisse zu sorgen. Dies sei auch im Grundgesetz, Artikel 72 gesetzlich verankert. Der NABU werde sich aktiv für den Grünerhalt einsetzen: ab dem 01. Dezember fällt der Startschuss für die Volksinitiative „Hamburgs Grün erhalten“.

Im folgenden Teil der Tagung wird der derzeitige Zustand der Stadtnatur Hamburgs aus Expertensicht beschrieben:
Frank Röbbelen ist Entomologe. Er stellt uns Lebensräume der Insekten in der Stadt vor: zum Beispiel fühlt sich der Grashüpfer, auch in Ruderalgebieten wohl. Er berichtet, dass es für die Insekten häufig tragisch enden könne, wenn Landschaftspflege nur der Ordnungshaltung dienen solle: der Aurorafalter zum Beispiel ernähre sich unter anderem von Brennesseln. Deshalb sei es besser, in bestimmten Gebieten diese stehen zu lassen, damit dieser Schmetterling sich hier ansiedeln kann. Ruderalgebiete solle man am besten unberührt lassen. Es komme aber immer wieder vor, dass auch dort, zum Beispiel in Industriegebieten, landschaftspflegerische Maßnahmen durchgeführt würden. Unter anderem würden Gehölze und „Unkräuter“ entfernt. Jetzt sähe es zwar ordentlich aus, den Insekten werde hier aber nur noch wenig geboten.

Eine Veränderung erfährt der Insektenbestand in Hamburg unter anderem durch Klimaänderung: bestimmte Libellenarten aus Südeuropa werden hier inzwischen öfters kartiert. Dr. Hans-Helmut Poppendieck, Botaniker, betont, wie wichtig es sei, schon den Kindern die Freude an der Vielfalt der Natur zu vermitteln. Dieses geht sogar an den überraschendsten Orten: ein Spaziergang am ruderalen Pflanzstreifen vor der JVA Anstalt in Fuhlsbüttel endet mit einem selbstgepflückten Blumenstrauß. Wichtig sei es für die Biodiversität, dass manche Ecken einfach sich selbst überlassen werden. Landschaftspflege aus städtischer Sicht bedeute leider häufig das Aus für die Entwicklung von Biodiversität. So ist  zum Beispiel bei der Sanierung einer Mauer Farnkraut aus den Fugen entfernt worden, welches sich dort bereits angesiedelt hatte.

Zusammenfassend lässt Herr Prof. Dr. Poppendieck uns Zuhörer verstehen, dass die Natur den Menschen als Gärtner eigentlich nicht brauche – ganz im Gegenteil. Sobald die Natur sich selbst überlassen wird, so entwickeln sich unwahrscheinlich vielfältige Ruderalgebiete, die die Grundlage für eine große Biodiversität bieten. Als weiteres Beispiel gibt Herr Prof. Poppendieck hierfür die Containerhäfen an, die vor Jahrzehnten, sich selbst überlassen, eine sehr vielfältige Vegetation entwickelt hatten. Hier sei ein wahres Paradies für Botaniker gewesen. Hier konnte man früher sehr gut Exkursionen unternehmen: mit vielfältiger Ausbeute. Dieses sei heutzutage leider nicht mehr der Fall.

Alexander Mitschke, Ornithologe, ist ein Experte auf dem Gebiet der Auswertung von Singvögelkartierungen. Er stellt uns in seinem Vortrag vor, inwiefern Artenvielfalt und Artenanzahl der Vögel in Hamburg sich im Allgemeinen anzahlmäßig gebietsweise unterscheiden. Dieses über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Holger Reimers referiert über Fledermäuse und erklärt uns, weshalb es die zuverlässige Fledermauskartierung noch nicht lange gibt. Erst die technische Ausstattung mit Ultraschallfrequenz erlaube es, die Tiere zu orten und zu kartieren. Fledermäuse stoßen bei der Jagd Rufe aus. Durch die Einstellung der Detektoren auf eine bestimmte Frequenz lässt sich die jeweilige Art orten und zählen.

Die Fledermaus ist ein wahrer Anpassungskünstler. Sie kommt recht gut mit dem Stadtleben klar. Werden Häuser gebaut, findet die Fledermaus irgendwo ein gemütliches Eckchen oder eine Ritze oder ein Fenstersims als Unterschlupf. Als Winterquartier für eine Fledermauskolonie dient zum Beispiel ein Parkhaus in einem Stadtteil Hamburgs.

Die Vorträge sind bis hier informativ und spannend vorgetragen worden. Der NABU versorgt die Gäste in der Mittagspause sehr gut mit veganer und ökologischer Kost: bei Bruschetta und veganen Wraps und auch einer heißen Kartoffel – wahlweise Karottensuppe lässt es sich gut miteinander diskutieren.

In der Pause treffe ich auf Ulrike Sparr, Bürgerschaft GRÜNE und Christopher Reiffert, Fraktion Nord, GRÜNE, die ebenfalls Besucher dieser Veranstaltung sind. Beide finden, dass die Veranstaltung sehr interessant und anregend sei.

Nach der Pause hebt Dr. Nina Klar, BUE, hervor, dass Wohnsiedlungen mit Hochhäusern viel grüner und natürlicher gestaltet werden müssen. Sie bieten auch Möglichkeiten für die Entfaltung von Biodiverstität, wenn gezielt Maßnahmen durchgeführt werden. Die Fassadenbegrünung ist eine Möglichkeit, die Artenvielfalt zu fördern.

Frau Dr. Klar stellt außerdem die Dachbegrünung als Raststätte für viele Vögel vor. Sogar der Kiebitz findet diese Art von Grünfläche attraktiv. Leider ist es aber für den Kiebitz sehr gefährlich auf dem Dach zu brüten – die Kiebitzjungen begeben sich als Nestflüchter sofort auf Nahrungssuche. So manches Küken ist hierbei ums Leben gekommen. Die Grüngestaltung der Wohnsiedlungen sei sehr wichtig, weil die Kinder die Natur kennenlernen sollen! Die Spielplätze sollen nicht nur aus einer einfachen grünen Grasfläche bestehen, in welcher ein einsamer zurechtgestutzter Busch steht. Jeder möchte gerne einen blühenden Jasminstrauch sehen und riechen können. Leider kann man diese Bereicherung der Sinne nur selten erleben, obwohl es in Hamburg viele Jasminsträucher gebe! Beim Rückschnitt der Sträucher ist es hierfür unbedingt erforderlich, dass die Gärtner die verschiedenen Blütezeiten der Gehölze berücksichtigen. So könnte jedes Gehölz seine Blüte zur Geltung bringen.

Prof. Antje Stokman, Hafencity Universität Hamburg unterrichtet Architektur. Der Leitgedanke in ihrem Vortrag ist, dass Naturschutz auf keinen Fall bedeuten soll, dass die Natur vor den Menschen abgeschottet werden sollte. Im Gegenteil. Menschen sollen mit der Natur in Kontakt kommen und sie verstehen können. Als negatives Beispiel führt sie die Neubausiedlung in der Fischbeker Heide auf. In der Fischbeker Heide ist vor dem Bau der Siedlung der Wachtelkönig entdeckt worden, welcher auf der Roten Liste steht. Als Schutzmaßnahme ist um die Siedlung ein hoher Zaun gesetzt worden, damit Katzen und Hunde aus der Siedlung nicht dem Wachtelkönig nachstellen können.

Frau Prof. Stokmann findet es sehr wichtig, dass kommuniziert wird. In diesem Falle konnten Auflagen gemacht werden , dass Katzen und Hunde aufgrund des Vogelschutzes hier nicht in die Wohnsiedlung mit eingebracht werden dürfen, anstatt den Eindruck zu vermitteln, dass die Natur ein Tabu für Menschen sei.

Der Naturschutz beginnt schon beim Planen durch den Architekten. Warum sollte erst nach Fertigstellen der Gebäude an den Nistkasten gedacht werden, der nun mühsam irgendwo angebracht werden muss? In Seminaren bei Frau Prof. Stokmann überlegen die Studenten Lösungen, um Natur und Siedlungsbau in einen Bezug zu bringen. Es werden unter anderem Entwürfe angefertigt, welche schon von vornherein Nistmöglichkeiten für Vögel in der Hausfassade vorsehen. Frau Prof. Stokmann betont an dieser Stelle, dass der Austausch der verschiedenen Handlungsebenen miteinander zielführend ist. Ausstellungen der Architekten bieten die Möglichkeit, Naturschützer, Architekten und Bürgerschaft konstruktiv zusammenarbeiten zu lassen.

Meike Müller, Fachbereich Umwelt und Stadtgrün Hannover, zeigt uns in ihrem Vortrag „Mehr Natur in der Stadt – Hannover“, welche Projekte und Ansätze in Hannover durchgeführt werden, um Mensch und Natur zusammenzubringen. Die Herausforderung ist zum Einen hierbei, genügend Raum zu verschaffen. Häufig sind geeignete Flächen Privateigentum und dann gilt es, Kontakt zum und Interesse beim Eigentümer herzustellen. Beim Projekt „Pallettengärtnern“ steht das gemeinsame Gärtnern im öffentlichen Raum im Vordergrund.

Sina Ritter, HAMBURG WASSER, stellt in ihrem Vortrag das Projekt „Das Geld hängt an den Bäumen“ vor. Die Idee dieses Projekts ist es, in verschiedenen Gärten Hamburgs Äpfel zu ernten und in der projekteigenen Mosterei zu verarbeiten. HAMBURG WASSER besitzt Obstwiesen in den Marschlanden und stellt diese dem allgemeinnützigen Projekt zur Verfügung. Dort werden alte Apfelbäume wieder kultiviert, die vorher vollkommen in Vergessenheit geraten waren. Es handelt sich hier um seltene alte Sorten. Das Projekt dient somit auch dem Erhalt alter Apfelsorten. Die Obstbäume werden ökologisch kultiviert und vorwiegend Mitarbeiter aus den Elbewerkstätten helfen bei der Ernte und Verarbeitung der Äpfel.

Das Apfelschorle dieses Projekts ist also sehr empfehlenswert, da es sich hier durch Regionalität, Sozialengagement, Ökologische Herstellung, Förderung der Biodiversität sowie Erhalt alter Kultursorten um ein absolut faires Produkt handelt. Mittlerweile können die Säfte in verschiedenen Geschäften und Feinkostläden gekauft werden.

Bernd-Ulrich Netz, BUE Hamburg stellt das Naturschutz-Großprojekt Hamburg vor. Es soll ein Biotopverbund zwischen Schutzgebieten, Parkanlagen entlang ausgewählter Verkehrsachsen entstehen. Es sollen gemeinsame Schnittflächen zwischen Menschen und Natur hergestellt werden. Der Biotopverbund erhält eine zusätzliche Bedeutung, wenn man die Luftaufnahme von Hamburgs (in Zukunft) dachbegrünten Dächern betrachtet…. Schöne, kleine Parkinseln sollen entstehen, in welchen man sich gut ausruhen kann und auch der Laufkäfer auf seine Kosten kommt.

Holle Thierfelder, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin, kann hierzu einen Ausblick auf die Durchführbarkeit geben. In Berlin ist das Projekt „Strategie Stadtlandschaft – Berlin umgesetzt worden. Und mittlerweile ist laut Frau Thierfelder „Berlin eine sehr grüne Stadt!“

Die Veranstaltung ist sehr gut organisiert und inspirierend gewesen. Die Vorträge sind in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht worden. Zwischen den Vorträgen ist genügend Zeit gewesen, um bei Kaffee, Tee und kleinen leckeren Snacks miteinander ins Gespräch zu kommen und Revue passieren zu lassen.

Die Zeit ist nicht lang geworden. Meine Meinung: absolut informativ und rundum gelungen.

Abb.: NABU

Sabine Kashi

Sabine Kashi ist Apothekerin aus Volksdorf und Vorstandsmitglied der GRÜNEN Wandsbek.

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