Flucht übers Mittelmeer

Etwa 70 Gäste waren gekommen, Anna Gallina und Gorden Isler erzählten von ihren Erfahrungen und Maryam Blumenthal vom Wandsbeker Kreisvorstand übernahm die Begrüßung

Text von Sabine Kashi und Christa Möller

Der Kreisvorstand Wandsbek hatte zusammen mit dem Kreisvorstand Nord am 01. 09. 2017 in die Koralle eingeladen, um den Film „Minden Replying“ zu zeigen und anschließend darüber zu reden. In dem Dokumentarfilm geht es um die Rettung von Flüchtlingen, die auf dem gefährlichen Weg von der Libyschen Küste nach Europa unterwegs sind. Für die Diskussion waren Gorden Isler dabei, NGO und Grüner, unsere grüne Landesvorsitzende Anna Gallina, die die Moderation übernahm und die grüne Bundestagsabgeordnete Anja Hajduk, die erzählte, was die Politik konkret tun muss und kann.

Anna, die im Mai selber auf einem Rettungsboot-Einsatz im Mittelmeer dabei war, warnte gleich vorweg vor dem Film, da er die Rettungsaktionen sehr realistisch und eindringlich zeigen würde. Der Film dauerte etwa vierzig Minuten – und es war wohl niemand unter den Anwesenden, der nicht tief berührt war. Gut, dass wir alle hinterher darüber reden konnten.

Gorden erzählte zunächst, wie er dazu gekommen war, auf einem Rettungsschiff mitzufahren. Auslöser war das Foto von dem kleinen leblosen Jungenkörper, der auf einer griechischen Insel im Jahr 2015 an den Strand gespült worden war. Er empfand die Situation damals als unerträglich und entschloss sich, zu helfen.
Noch im gleichen Jahr wurde er aktives Crewmitglied auf dem 23 m langen Rettungsschiff  „Minden“,  sammelt seitdem Spenden, hat den Film „Minden Replying“ mitproduziert und fährt regelmäßig selbst mit einem der Rettungsschiffe hinaus.

Die wichtigste Aufgabe der Rettungsschiffe: Rettungswesten an die Flüchtlinge verteilen, die auf funktionsuntüchtigen Schlauchbooten von der Libyschen Küste aus starten, und sie dabei zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass keine Panik ausbricht. Fällt jemand ohne Schwimmweste ins Wasser, geht er meist wie ein Stein unter und ertrinkt, da so gut wie keiner der Flüchtlinge schwimmen kann. Und im Wasser panische Angst hat – selbst mit Rettungsweste wissen viele nicht, wie sie sich bewegen können, um das rettende Schiff zu erreichen.

Die Flüchtlinge müssen zunächst die 12 km Küstengrenze vor Libyen hinter sich lassen, ehe ihnen von den Rettungsschiffen geholfen werden kann. Sie sitzen dabei auf nicht funktionsfähigen Schlauchbooten, das Benzin reicht nicht, um Italien zu erreichen – und meist wird ihnen nach kurzer Zeit der Motor von Piraten gestohlen. Die Boote sind hoffnungslos überfüllt, die Männer hocken meist außen auf dem Rand, Kinder und Frauen innen. Benzin läuft aus, mischt sich mit vielem anderem im Boot und führt auf Dauer zu schlimmen Hautverätzungen.

Bis zu 70% der Rettungen werden von NGOs (Nichtregierungs-Organisationen) durchgeführt. Von staatlichen Rettungsschiffen nur noch 15%. Anja Hajduk möchte, dass die EU darauf dringt, dass die Schiffe der NGOs bis zum Abschluss einer Lösung das Know How und die Ausrüstung bekommen, um die Rettungen weiter durchführen zu können. Grüne wollen sich hinter NGOs stellen, bis Lösungen da sind.

Die Besatzung der Rettungsschiffe arbeitete bisher mit der Küstenwache Italiens zusammen, der staatlichen Seenotrettung.

Anja Hajduk erklärte die aktuelle grüne Bundespolitik, Alske Freter vom Kreisvorstand Nord (Mitte hinten) hatte die Veranstaltung zusammen mit Wandsbek organisiert – und wir hatten sogar Besuch aus Schleswig-Holstein, Benjamin Stukenberg war auch dabei (Mitte vorn)

Im Moment haben aber viele Rettungsschiffe ihre Arbeit einstellen müssen, da willkürlich die Küstenzone durch die Libysche Regierung von 12 auf 70 Meilen hochgesetzt wurde. Die Überschreitung dieser Zone bedeutet, dass die NGOs als Eindringlinge betrachtet werden und der Gefahr ausgesetzt werden, beschossen zu werden. Um ihre ehrenamtlichen Helfer nicht zu gefährden, haben viele NGOs, u.a. auch Ärzte ohne Grenzen und Lifeboat deshalb von den Rettungen Abstand genommen. Die Libyer wollen sich jetzt allein um die Flüchtlinge kümmern. Was bedeutet, dass die Flüchtlinge in die zumeist menschenunwürdigen Camps zurückgebracht werden und dort ohne Perspektive eingesperrt ausharren müssen. Eine unerträgliche Situation.

Anja Hajduk umriss die Politik der Grünen im Bundestag folgendermaßen:

  • Alle Kriegsflüchtlinge sollen auch weiterhin Asyl erhalten.
  • Ziel der EU soll nicht sein, die Flüchtlingszahl zu limitieren, sondern vor allem die Ursachen zu bekämpfen. Die Ursachen, so Anja sind auch in der Agrarpolitik der EU zu finden. Z.B. wird den Menschen durch Überfischung durch europäische Fangflotten vor ihren Küsten die Existenzgrundlage genommen. Wir sind verantwortlich für die Situation in Afrika. Wir fischen die Meere leer und machen falsche Handelsabkommen; verantwortlich sind hier das Landwirtschaftsministerium und die intensive Landwirtschaft.
  • Wichtiges Ziel für die nächste Legislatur Periode: mit Afrika fair zu handeln. Das geht nicht konfliktfrei ab mit den hiesigen Landwirten. Wir können als Deutsche aber einen großen Anteil daran haben, dass gute Abkommen geschlossen werden (nicht wie die von TTIP und CETA)
  • Anja sieht es – anders als Manuel Sarrazin in der Veranstaltung zur grünen Außenpolitik – als klaren Nachteil an, Außenministerium und Entwicklungsministerium zusammen zu legen. Dadurch wäre ein Ministerium weniger vor Ort, um Druck auszuüben, wenn es erforderlich sei. Z.B. im Bereich Agrarwirtschaft. Entwicklung- und Außenpolitik müssten sich abstimmen.
  • Wir brauchen mehr Klarheit, welche Einwanderungsgründe es gibt. Das Problem ist nicht gelöst, wenn alle bedürftigen Menschen nach Deutschland kommen .
  • Gorden, der sich mit seinem Verein auch direkt in einem Dorf in Äthiopien einsetzt, ergänzt: Es sind nie die Ärmsten der Armen, die sich auf den Weg machen – häufig kommen Menschen mit guter Bildung, die im eigenen Land keine Perspektive sehen. Er beschreibt die Situation in einem Dorf mit 6000 Einwohnern. Dort gibt es null Infrastruktur. Menschen erhalten durch Entwicklungshilfe zwar Schulbildung und Abitur. Sie können studieren. Sie können anschließend aber dieses Potential nicht sinnvoll einbringen. Es werden vor Ort Arbeitsstellen, Fabriken und Straßen benötigt
  • Wichtig, so Anja, sei die Bildung für Frauen. Dass Kinder keine Altersabsicherung sind, muss vermittelt werden. Geburtenkontrolle wäre sehr entscheidend und die katholische Kirche sollte hier unbedingt Einfluss nehmen

Unbedingt erforderlich sei die Unterstützung der Anrainerstaaten, wie z.B. Uganda, die einen großen Teil von Flüchtlingen aus Krisengebieten wie z.B. Kongo und Ruanda aufnehmen.

Auf die Frage aus dem Publikum, wie auch andere europäische Länder dazu gebracht werden können, Flüchtlinge aufzunehmen antwortet Anja, dass es ganz klar nicht in Frage kommt, sich von der Verantwortung freizukaufen. Osteuropäische Länder bekommen viel wirtschaftliche Unterstützung durch EU Gelder. Die Programme für die Länder müssen in einen Kontext gebracht werden, wie schnell das geht, ist nicht vorhersagbar.

In der Bundesregierung würden die Grünen das sogenannte Resettlement- Programm vorantreiben, d.h. Menschenrettung auf dem Meer sollte wieder vorwiegend durch Regierungsschiffe vorgenommen werden. An der Küste Libyens sammeln sich 700.000 – 800.000 Flüchtlinge pro Jahr.   Auf die Frage nach dem sogenannten Pull-Effekt (Menschen würden verstärkt fliehen, weil sie wüssten, dass sie gerettet würden) erklärte Gorden dass es diesen Effekt nicht gäbe, wie gerade eine in Oxford veröffentlichte Studie belegt habe. Es fliehen nicht mehr Menschen, weil ihnen geholfen würde, aber es ertrinken mehr, wenn sie nicht gerettet werden.„Jedem muss klar sein, dass man Menschen nicht ertrinken lassen darf!!“ Bei diesem Appell zur selbstverständlichen Handlung aus Menschlichkeit stimmten alle mit lautem Beifall zu.

Die neueste Info ist übrigens: die Sea-Eye nimmt ihre Rettungsmission wieder auf! Künftig sollen die Einsätze 70-90 Seemeilen vor der libyschen Küste stattfinden. Zu dieser Entscheidung hat ein Ereignis am 2. September beigetragen, als die Crew des Schwesterschiffes Seefuchs von der italienischen Küstenwache zu einem Rettungseinsatz rund 50 Seemeilen vor die libyschen Küste gerufen worden war. Die Crew konnte 16 Menschen aus einem Holzboot vor dem Ertrinken retten.

Übrigens: Wer den Film verpasst hat, kann ihn jetzt auch Online sehen:
http://www.spiegel.tv/videos/747364-minden-replying

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sabine Kashi

Sabine Kashi ist Diplom Pharmazeutin und Apothekerin aus dem Alstertal

Verwandte Artikel