Das grüne Promi-Foto

#G20-Demo : Fröhlich und friedlich

Die Weltfahne ist ausgebreitet und die Grünen sammeln sich

Andreas Dressel, Fraktionsvorsitzender der SPD schaut schnell bei den Grünen vorbei und begrüßt Maryam Blumenthal

Bei uns in Volksdorf fuhr die halbe Straße mit auf die Demo (wir wohnen allerdings in einer kleinen Sackgasse…) – und noch am Bahnhof wurde diskutiert: Auf welche Demo gehen wir? „Hamburg zeigt Haltung“ oder „Grenzenlose Solidarität“? Die Entscheidung verlief 50:50, die größte Kritik an unserer Demo: Ihr könnt doch nicht zu einer Veranstaltung gehen, auf der die SPD mitmarschiert, die den G20-Ablauf in dieser Form mit verantwortet hat! Die Hälfte unserer Freunde gingen also zum Millerntor, wir zu neunt zur St. Katharinen Kirche zu „Hamburg zeigt Haltung“.

Dort war schon der sogenannte Weltschal ausgelegt, ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Made auf Veddel e.V. mit der Stadt Hamburg: im  Jahr 2015 hatten Frauen aus der ganzen Welt, Künstlerinnen und Geflüchtete, die Flaggen aller Nationen in einer Größe von 1,0 X 1,5 Meter gestrickt, gehäkelt und genäht. Heraus kam ein Schal von ca. 370 Meter Länge, den wir nun gemeinsam mit Hunderten von Menschen von der St. Katharinen Kirche bis zum Fischmarkt tragen. Mit 10.000 Teilnehmer*innen war gerechnet worden, Schätzungen reichten später von 5000 bis 10.000 Demonstranten. 

Wir waren mit einem großen grün-bunten Block dabei, mit Regenschirmen und Fahnen – die Schirme haben wir zum Glück nicht gegen Regen gebraucht. Die Stimmung war bestens. Zwischendurch gab es Musik, eine Oldie-Gruppe stand am Rödingsmarkt, ein bisschen Samba kam beim Elbtunnel dazu. Rosa Luftballons wurden verteilt und Schilder für Klimaschutz, Gerechtigkeit, Toleranz und Demokratie konnte man gegen eine Spende erwerben, viele hatten sich aber sehr kreativ ihre eigenen gemalt. Einige protestierten gegen die Gewalttaten des schwarzen Blocks in der Nacht davor und distanzierten sich davon.  Das Thema Gewalt beschäftigte alle, die meisten waren fassungslos darüber, was gerade in ihrer Stadt passiert war.

Die Wandsbeker orientieren sich

Über 300 Meter lang ist der Weltschal, den etwa 500 Menschen tragen

Beim Fischmarkt gab es Buden der Veranstalter, auch von uns Grünen; die Reihen hatten jedoch Lücken, z.B. bei den Food Trucks; so mancher hatte wohl befürchtet, dass es wieder zu Zwischenfällen kommen könnte. Deshalb habe man für die Abschlusskundgebung auch keinen Gebärden-Dolmetscher gefunden, hieß es. Dafür bedankte man sich aber um so mehr bei allen, die gekommen waren und den Mut gehabt hatten, auf die Straße zu gehen.

Hauptredner waren die Berliner Politikwissenschaftlerin und Professorin Gesine Schwan und der Bürgermeister von New York, Bill de Blasio.

Gesine Schwan gratulierte Hamburg zu der Veranstaltung, „das Meer von klugen Köpfen, das ich sehe, ist beeindruckend.“  Sie rief dazu auf, sich zu fragen, woher denn so viel Hass und Gewalt kämen, die wir in den letzten Tagen erlebt hätten, „die sind nicht vom Himmel gefallen. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen… Wir müssen uns grundsätzlich fragen, ist G20 sinnvoll? Natürlich müssen alle miteinander reden, reden ist unschlagbar – aber das darf nicht zur Propaganda Aktion für Regierungschefs werden.“ Sie hatte darüber hinaus nicht den Eindruck, dass man wirklich miteinander redet. Und ihr war nicht klar, ob G20 wirklich vernünftig ist.

Wir müssen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreichen, im Vorfeld wird schon viel dazu gearbeitet: „die Zivilgesellschaften müssen an Abschaffung von Armut, Epidemien arbeiten, auch Armut ist Gewalt, Politiker machen oft nicht genug. Erdogan, Szydlo, Orban, Trump, Putin, so viele Regierungschefs missachten den Rechtsstaat, wir dürfen uns nicht mit Deals von denen abhängig machen!… Beim Handel geht es um Fairness, um Klimapolitik, nicht um einzelne kleine Investitionen. Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen. Wir brauchen weniger Glamour, weniger rote Teppiche und mehr echte harte Arbeit!“ Viel Applaus!

Umweltsenator Jens Kerstan freut sich, dass es gleich losgeht – vorher soll noch ein grünes Foto gemacht werden, also stehen alle Parteipromis höchst konzentriert vorn

Gewalt ist unerwünscht!

Nach mehreren musikalischen Einlagen und weiteren Reden mit eingesprengselten Danksagungen an die Polizei und ihren Einsatz, führten Andreas Dressel und Thalia Intendant Joachim Lux, Bill de Blasio ein, Bürgermeister von New York und erklärter Trumpgegner, der zum linken Flügel der Demokraten zählt. Er hatte am Vormittag schon im Thalia Theater geredet und stand jetzt zusammen mit seinem Sohn auf der Bühne – der hatte nämlich gerade ein Auslandsjahr in Deutschland bei der SPDnahen Friedrich-Ebert-Stiftung absolviert. De Blasio appellierte an die moderate Mitte,  aktiv und sichtbar zu werden. „Kreativer und konstruktiver Protest sind wichtig – aber nicht das, was wir in den letzten zwei Tagen in Hamburg erlebt haben, das gehört nicht hierher! Das ist nicht Hamburg.“ Er schickte solidarische Grüße vom Big Apple zur Freien Hansestadt Hamburg – er mag diesen Namen ganz besonders! Die beiden Städte hätten so viel gemeinsam, sie seien beide tolerant, kosmopolitisch, würden Diversität respektieren und achten. „Hamburg ist allerdings ein bisschen lauter als New York, aber das ist vielleicht auch nur in diesen Tagen so…“ So wie hier heute sieht für ihn Demokratie aus. Wir müssen selbst dafür sorgen, die Zukunft besser zu machen, sollten friedlich zusammen sein. „Lasst euch nicht abhalten, ihr steht für Demokratie, ihr verkörpert sie.“ Er setzt auf die Graswurzel-Bewegung. In New York gäbe es jetzt viel mehr Protest als in den Jahren zuvor. Die Leute sind es, die den Wechsel möglich machen. Wir brauchen die Regierung nicht, dürfen nicht abwarten, sondern gehen Stadt für Stadt vor. Amerika ist nicht gebrochen. Wir sind gerade dabei, unsere Identität zu finden. Wir können den Klimawandel in New York und in Hamburg stoppen. „Wir haben viel zu tun, Freunde. Bleibt fokussiert, die Zukunft unserer Erde hängt von euch ab.  Respektiert alle Menschen, wenn Respekt da ist, gibt es keinen rechten Populismus. 

Bürgermeister Bill de Blasio aus New York (Mitte) mit Sohn (rechts) und Anjes Tjarks

Freundlich winkende Polizisten am alten Elbtunnel

Anjes Tjarks durfte auf der Bühne noch einmal nachfragen: „Wenn der Präsident versagt, was sollen wir tun?“

De Blasio betonte, das es neben Trump noch ein anderes Amerika gäbe, und das sei die Mehrheit! „Die Mehrheit will den Klimawandel verhindern. Wir werden das allein machen! Wir warten nicht, weil die Erde nicht warten kann! Es hängt an uns allen!“ Das waren einfache, mutmachende Worte, Balsam für die gewaltstrapazierten Seelen der Zuhörer*innen, die sich mit viel Beifall dafür bedankten. 

Trotzdem kam es mir ein bisschen wie eine SPD-Veranstaltung vor. Und als ich eben noch die Pressemitteilung vom NABU-Vorsitzenden Alexander Porschke las, bin ich noch mehr ins Grübeln gekommen. Er sagt dort: „Bündnispolitisch hat die Orientierung auf die „Haltung-Hamburg“ Demo uns von einem großen Potential junger, gesellschaftskritischer Kräfte isoliert. Ich bedaure das sehr, weil ich mit dem gesellschaftlichen Status Quo alles andere als zufrieden bin und davon aus gehe, dass es ohne Antreiber aus der Gesellschaft heraus, sehr schwer werden dürfte, notwendige politische Änderungen zu erreichen. Für die GRÜNEN dürfte diese Orientierung den ohnehin schon schwer erkennbaren Unterschied zur SPD-Politik noch kleiner gemacht haben. Damit werden leider auch die Gründe, sie zu wählen weniger. Sehr schade.“

Coole Oldie-Musik am Straßenrand

Selbstgemachte Schilder lagen eindeutig vorn

Unsere Freunde trafen wir abends in Volksdorf wieder, begeistert von einer großen, phantasievollen und ebenfalls so gut wie friedlichen Demo mit 50.000 bis 76.000 Teilnehmer*innen.

Wie schön: 10.000 Menschen nahmen gestern Müllsack und Besen und fegten die Überreste der Ausschreitungen von den Straßen. U.a. war auch Sami Khokhar mit seinem Teemobil dabei. Die Elbvertiefung berichtet am 10.7.17, dass viele Hamburger verletzte Polizisten im Krankenhaus besuchten und ihnen Blumen überreichten. Und, kleine nette Geste: Der HVV stellt allen, deren Fahrzeug beschädigt oder verbrannt wurde, kostenlos Monatskarten zur Verfügung. Mehr Infos hier.

Ich bin gespannt auf unseren Mitgliederabend am Dienstag, 11.7., um 20 Uhr in den Räumen der GLS-Bank, Düsternstraße 10, 20355 Hamburg (S-Bahn Stadthausbrücke, U-Bahn Rödingsmarkt), bei dem es um die Aufarbeitung von G20 gehen soll.

Verwandte Artikel