#Hatespeech im Netz

Linda Heitmann, Geschäftsführerin Kreisvorstand Wandsbek, Beisitzerin und frauenpolitische Sprecherin im Landesvorstand, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik

Linda, du hattest einen „Ladies Lunch“ zum Thema Hate-Speech im Netz moderiert, bei dem spannende Gäste eingeladen waren: Katrin Ganz forscht zum Thema digitale politische Öffentlichkeiten und Feminismus,  Jasna Strick bezeichnet sich selbst als feministische Netz-Aktivistin und ist immer wieder massiven Angriffen im Netz ausgesetzt und die Spiegel-Autorin Ann-Katrin Nezik hatte für einen langen Artikel mehrere von Shitstorms betroffene Frauen interviewt und im Zuge dessen viel Material gesichtet.

Die Veranstaltung hatte ihren Schwerpunkt vor allem auf Hass im Netz gegen Frauen. Bekommen Frauen mehr oder andere Kommentare als Männer?
Rein quantitativ sind Männer und Frauen, insbesondere unter 40-jährige, von aggressiven Anfeindungen im Netz ungefähr in gleichem Umfang betroffen. Allerdings auf verschiedene Art und in unterschiedlichen Foren:
Verbale Gewalt gegen und zwischen Männern findet laut Katrin Ganz sehr stark in Gaming-Communities statt, Frauen sind ihr hingegen in sozialen Netzwerken stärker ausgesetzt. Und ein entscheidender Unterschied ist: bei Frauen sind die verbalen Hasskommentare ganz häufig sexualisierter Natur oder beziehen sich auf die Intelligenz. Wie Jasna Strick etwas ironisch anmerkte, sind die Beschimpfungen auch nicht unbedingt logisch: „Man kann durchaus gleichzeitig als dumme überall herumfickende Schlampe bezeichnet werden und so hässlich sein, dass man ja eh keinen Mann abbekommt.“… Auch dass Frauen ziemlich unappetitliche herabwürdigende Fotos geschickt werden, scheint leider keine Seltenheit zu sein.
 
Außerdem ist es eine gängige Strategie gegen Frauen, ihr Diskussionsverhalten als irgendwie störend oder falsch zu kritisieren. Typisches Beispiel dafür ist der Vorwurf: „Jetzt sei hier mal nicht so zickig!“ Das führt dazu, dass die Frauen in Diskussionen in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungssituation gedrängt werden und schnell gar keine Diskussion mehr über das ursprüngliche Thema eines Beitrages geführt wird, sondern nur noch über ein rechthaberisches oder weinerliches Diskussionsverhalten .
 
Übrigens geht Sexismus im Netz häufig mit anderen Phänomenen der Intoleranz wie Fremdenfeindlichkeit einher.
Warum geben Hater solche Kommentare ab, was wollen sie erreichen?

Hater auf unserer Wandsbeker Facebookseite

Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Die wahrscheinlichste Erklärung ist jene, die man psychologisch in verschiedensten Zusammenhängen immer wieder findet: Menschen ziehen Stärke daraus, andere abzuwerten und sich selbst dadurch scheinbar aufzuwerten. Das ist kein neues Phänomen, aber im Internet kann es durch die Schnelligkeit des Mediums und die Vielzahl von Nutzern zu einer Ballung kommen, die dann besonders massiv und bedrohlich wird.

Außerdem lässt sich im Internet vermuten, dass die Täter sich relativ sicher fühlen und das Gefühl haben, deutlich anonymer zu agieren als im realen Leben. 
In vielen Fällen, die beschrieben werden, scheint es auch tatsächlich das Ziel zu geben, Menschen gezielt einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Jasna Strick hat davon berichtet, dass sie teilweise über mehrere soziale Plattformen hinweg von mehreren Nutzern belästigt und beschimpft wurde, die sich offensichtlich gezielt verabredet hatten und die in ihren Drohungen auch immer wieder Bezug auf ihr reales Leben nahmen, so dass sie den Eindruck bekamen, diese Menschen könnten ihr jederzeit irgendwo auflauern und real gewalttätig werden. Ich weiß von meiner grünen Kollegin Stefanie von Berg, dass diese im Zuge eines „Shitstorms“ auch Anrufe und Briefe an ihre Privatadresse erhalten hat. Das macht den Betroffenen natürlich Angst, führt in vielen Fällen zum Rückzug ins Private oder Unpolitische. Und, wie Jasna Strick sagte: „Ich würde mir zwar manchmal von Freundinnen und Freunden mehr Solidarität und Verteidigung wünschen, kann andererseits aber auch verstehen, wenn die das nicht machen, weil sie Angst haben, da selbst mit hineingezogen und bedroht zu werden.“
Was kann man tun, um sich zu schützen?

Die Grünen haben eine Online-Feuerwehr gebildet, die schnell reagieren kann

Teilweise bilden Betroffene Netzwerke und verfolgen gezielt die Strategie, dass sie jeweils die Kommentare lesen, die gegen die anderen gerichtet sind, weil das psychisch weiger belastet. Dann gucken sie gezielt, welche der Kommentare auch strafrechtlich relevant sein könnten, um diese als Beweismittel zu sichern und auch Anzeigen zu stellen.

Das gezielte Verbünden wird außerdem dazu genutzt, um gemeinsam gegen Attacken vorzugehen und zu versuchen, Diskussionen im Netz auf eine Sachebene zurückzuführen. Dazu gibt es z.B. so genannte „Rapid response teams“, in denen Nutzer darauf hinweisen, unter welchen Debatten gerade ein Shitstorm gegen jemanden läuft, so dass man sich dann gemeinschaftlich wehren kann.
 
Und Jasna Strick hat auch noch daran appelliert, dass doch jeder und jede öfter auch mal positives Feedback und Lob sowie persönliche Bestärkungen schreiben und veröffentlichen sollte anstatt im Netz immer nur dann aktiv zu sein, wenn man etwas kritisieren will oder sich verteidigt.
Kann man Hass-Kommentare verhindern? 
Nein, verhindern kann man sie wohl leider nicht.
Alle Referentinnen haben sich gewünscht, dass es bei Polizei und Staatsanwalt künftig mehr Fachwissen und Sensibilität zu dem Thema geben sollte und dass Gesetze dazu, welche Beleidigungen strafbar sind, klarer gefasst werden, damit strafrechtlich besser gegen Anfeindungen vorgehen kann.
 
Und es wurde als notwendig angesehen, dass Hass im Netz und der Umgang damit auch in Präventionsprojekten aktiv in Schulen und Berufsschulen angesprochen und insgesamt stärker gesellschaftlich geächtet wird. 
Katrin Ganz hat sich darüber gefreut, dass es auf Grund des von Heiko Maas präsentierten Entwurfes eines so genannten „Netzdurchsuchungsgesetzes“ jetzt eine öffentliche Debatte zum Thema und den klar formulierten politischen Willen gibt, bei dem Thema aktiv zu werden.

Zum Weiterlesen: hier ein Tagesschau-Interview mit Jasna Strick.

Allerdings gab es die Kritik, dass der vorgelegte Gesetzentwurf selbst nicht unbedingt zielführend ist, um Opfer zu schützen, weil durch eine schnelle Löschung von Kommentaren möglicherweise Beweismittel vernichtet werden und weil, wenn man es nur auf soziale Netzwerke bezieht, eine Verlagerung von Diskussionen und Plattformen stattfindet.

Ich glaube, eine gute zielführende Politik in dem Themenbereich muss wirklich darauf gucken, wie man Hass-Kommentare von vornherein eindämmen kann und wie man Opfern von Hass im Netz wirksam hilft und sie schützt.

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