Der Ozean bremst den #Klimawandel

Der Eingang zur Hafencity Universität Hamburg

Am internationalen Tag des Meeres ging es in Hamburg um den Schutz der Ozeane – da musste ich natürlich hin,  ist ja mein Thema!  Ca. 120 Besucher trafen sich in der Hafencity-Uni, um bei der Vorstellung des Meeresatlas 2017 dabei zu sein. Solche Atlanten werden in von der Heinrich-Böll-Stiftung zu den unterschiedlichsten Themen herausgegeben – und diesmal ging es um Daten und Fakten über unseren Umgang mit den Ozeanen. In englischer Übersetzung wurden die Atlanten übrigens gleichzeitig auch in New York auf der UN-Meereskonferenz verteilt.

Jörn Weinhold, Referatsleiter Forschung der Hafencity Universität und Anja Hajduk, grünes Mitglied im Bundestag, übernahmen die Begrüßung. Anja wies darauf hin, dass in diesen Tagen aus gewissen Kreisen die Notwendigkeit einer globalen Kooperation immer wieder in Frage gestellt würde. Und dass die Meere das beste Beispiel dafür seien, dass das in unseren Zeiten einfach nicht mehr funktioniere.

Professor Latif erklärt die Erwärmung der Meere

Professor Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, der auch am Atlas mitgearbeitet hat, hielt den ersten Vortrag. Guter Typ, der packend und anschaulich erzählen kann! Kein Wunder, dass man ihn ständig im Fernsehen sieht.

Die ganze Thematik sei höchst schwierig zu durchschauen, begann er seine Ausführungen, schließlich lebten wir in postfaktischen Zeiten und würden überhäuft mit Informationen – und speziell in diesem Bereich wären es vor allem Laien, die Informationen weitergäben. Trump hätte dem Ganzen dann noch die Krone aufgesetzt, indem er den Klimawandel als Erfindung der Chinesen bezeichnete, die damit nur Amerika schaden wollten. Wichtig seien nun vor allem belastbare Infos, wie in diesem Atlas zusammengetragen. Wie recht er hat!

Auch einige grüne Mitglieder waren gekommen, wie z.B. Michael Gwosdz und Christa Goetsch

Hätten wir nicht die Ozeane, wäre der Klimawandel schon viel weiter fortgeschritten, fuhr er fort: Über 93% der Erwärmung würden nämlich in die Ozeane geleitet und dort gespeichert. Ursache sei die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die zur CO2 – Anreicherung und damit zur Erwärmung führten. Blicke man zurück, gäbe es zwar deutliche Temperatur-Schwankungen in den letzten Jahren, aber die Tendenz sei eindeutig, die Erwärmung sei da. Besonders stark sei im Moment die Arktis betroffen. Alles keine Überraschung, Wissenschaftler hätten das schon vor 100 Jahren vorausgesagt.

Deshalb sei es so wichtig, unter 2 Grad Erderwärmung zu bleiben, eine Riesenherausforderung für die Menschheit. Die Fläche der Arktis sei schon um 30% geschrumpft, mit schlimmen Folgen für das Ökosystem. Es gäbe weniger Algen, weniger Krill und letztendlich auch weniger Wale. Was am Anfang der Nahrungskette passiere, setze sich schließlich immer weiter fort.

Grönland fange an zu schmelzen – und das führe zum Meeresspiegelanstieg. Und zwar nicht irgendwo in der Südsee, sondern auch hier bei uns. Die Nordsee sei bereits um 25 cm angestiegen. Die Ozeane saugten unglaublich viel Wärme auf, um sie ganz langsam wieder an die Luft abzugeben. Erfolge eines Erwärmungsstopps seien deshalb erst in vielen Jahren sichtbar.

Gleichzeitig stürben immer mehr Korallen ab, eine Korallenbleiche setze ein, am Great Barrier Reef sei es im letzten Jahr ganz besonders schlimm gewesen. Wird das Wasser zu warm, produzierten die mit den Korallen in Symbiose (eine Kooperation, von der beide profitieren) lebenden Algen ein Gift, das die Korallen absterben lässt. Übrig bleiben nur die aus Kalk bestehenden Steinkorallenstöcke. Bei einer Erhöhung der Wassertemperatur um 1 Grad werden weltweit alle farbenprächtigen Riffe absterben – ein Szenario, das bei gleichbleibender Erwärmung bald eintreten könnte!
Der umgebremste CO2 Ausstoß führt, so steht es im Atlas, zu einer zunehmenden Versauerung der Meere – und das passiert zur Zeit in atemberaubender Geschwindigkeit. Das CO2 setzt sich im Wasser zu Kohlensäure um – ein Problem für alle kalkbildenden Tiere wie Muscheln, Schnecken, Seeigel, die keine stabilen Kalkskelette mehr bauen können und schließlich zusammenbrechen. Vor Kalifornien ist der Austernnachwuchs völlig überraschend ausgeblieben – und ein florierendes Geschäft war ganz plötzlich zu Ende.
Der letzte US-Präsident, so beschloss Latif seinen Vortrag, habe ja auch nicht so sehr viel gerissen, aber er hätte wenigstens gute Sprüche gehabt (siehe Foto rechts).

Zitat Obama: „Wenn wir die Luft, die unsere Kinder atmen und das Essen, das sie zu sich nehmen werden, und wenn wir die Träume all unserer Nachkommen über unsere kurzfristigen Interessen stellen – ja, dann ist es vielleicht nicht zu spät.“

Barbara Unmüßig, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung, wies anschließend daraufhin, dass viele Küstenbewohner auf das Protein aus dem Meer zum Überleben angewiesen seien; sie fingen aber inzwischen keine Fische mehr, weil die Fischindustrie alles leer fische. 30% aller Fische, die auf unseren Tellern landeten, seien ohnehin illegal gefangen.
Aquakulturen seien leider keine Antwort auf die Überfischung:  Für 1 kg Thunfisch müssten z.B. 20 kg Wildfische verfüttert werden.
Futtermittel würden außerdem mit Chemikalien behandelt, mit Hormonen und Antibiotika. Aquakulturen seien Massentierhaltung unter Wasser und trügen zur sogenannten Eutrophierung bei, zum Sauerstoffmangel. Das Wasser würde überlastet durch Phosphor und Stickstoffverbindungen. Da gäbe es nur eine Lösung: weniger Fisch essen.

Mangrovenwurzeln bieten Fischen, Muscheln und Krabben einen sicheren Lebensraum

Hinzu kommt die Überdüngung der Gewässer durch die Massentierhaltung an Land. Die US-amerikanische Schweinemast z.B. leitet mit der Gülle Nitrate und Phosphate ins Grundwasser, alles fließt in den Missouri und den Mississippi und mündet dann in eine große Todeszone im Golf von Mexiko. Das Meer ist dort umgekippt, es gibt ein riesiges sauerstofffreies Gebiet ohne Leben. Auch in der Ostsee hatten wir einen kräftigen Anstieg der Nährstoff-Konzentration bis in die 80er Jahre. Seitdem verharren die Werte auf hohem Niveau. Im Ostseeaktionsplan, der 2007 von allen Ostseeanliegerstaaten verabschiedet wurde, sind konkrete Ziele zur weiteren Reduktion der Nährstoffeinleitung festgelegt. Und zwar verbindlich, der Europäische Gerichtshof verhängt gegebenenfalls drastische Strafen.

So manch großes Unternehmen sähe im Abschmelzen der Polkappen übrigens gar kein Problem, so Barbara Unmüßig, sondern das Gegenteil. Man hoffe dadurch, an fossile Brennstoffe besser ranzukommen!

Die geschützte Yal-Ku-Lagune in Akumal auf Yucatan

Auch in der Tiefsee, wo Manganknollen wüchsen, die u.a. für Smartphones gebraucht würden.  Bis eine Manganknolle 20 mm groß ist,  vergingen allerdings 1 Million Jahre! In der Tiefsee ginge alles ohnehin sehr langsam zu. Einen nachhaltigen Tiefseebergbau gäbe es nicht. Aber alle Länder bemühen sich jetzt um Lizenzen, um den Meeresboden zu erforschen und Bodenschätze zu bergen. China will fördern, auch Deutschland ist dabei. Greenpeace und BUND fordern ein generelles Verbot für den Abbau von Rohstoffen. Barbara Unmäßig wünscht sich zumindest erstmal ein Moratorium, bevor gefördert werden darf. Es sei Zeit, endlich umfassend zu recyceln, anstatt Rohstoffe mit dem Bau immer neuer Modelle zu verschwenden.

Aber das ist ja bekanntermaßen noch nicht alles: 8 Millionen Tonnen Plastik laden wir Jahr für Jahr ins Meer und davon findet man etwa 1 % an der Meeresoberfläche – die Hälfte davon landet in den sogenannten subtropischen Plastikmüllstrudeln, die durch die Ozeanzirkulation gebildet werden. Wo sind die restlichen 99%? Das war lange Zeit unklar, bis Forscher um die Jahrtausendwende Mikroplastik entdeckten. Große Plastikteile werden auf dem Weg zu den Strudeln zerrieben, von der Sonne zersetzt, von Bakterien angefressen. Mit den Jahren entstehen winzig kleine Partikel, kleiner als 5 Millimeter. Die meisten von ihnen, also die vermissten 99%, erreichen die Strudel gar nicht, sondern sinken irgendwann auf den Meeresboden. Aus den Augen, aus dem Sinn? Heute weiß man, dass die Plastikkonzentration auf dem Tiefseeboden um das 1000fache höher ist, als an der Oberfläche.

Diskussionsrunde mit Jens Kerstan und Prof. Latif (Mitte), Nadja Ziebarth vom BUND (2. von links), Doris Lorenz (ganz rechts), Barbara Unmüßig (2. von rechts)  und Karin Heuer (ganz links) von der Heinrich-Böll-Stiftung

Fische halten die Partikel für Plankton, fressen sie, die kleinen Teilchen rutschen durch die Darmwand, lagern sich im Gewebe ab. Und landen irgendwann auf unseren Tellern. Studien über die Folgen gibt es bisher so gut wie nicht. Nur eins ist bekannt: Die Plastikoberfläche wirkt wie ein Schwamm für Schadstoffe, hier setzen sich Umweltgifte wie PCB oder auch Krankheitserreger gern fest. Ist das Plastik erstmal im Meer, lässt es sich nach heutigem Wissenstand nicht mehr herausfiltern: man würde alles Leben mit entfernen.

Was kann man tun angesichts dieser Horrorszenarien?

Für Anja Hajduk steht fest: Wir müssen politischen Druck erzeugen und handeln – und zwar global.

Anja Hajduk und Jens Kerstan bei der Vorstellung des Meeresatlas 2017 in der Hafencity-Universität

Es gibt bisher keine Meeresumweltbehörde, alles ist zerstückelt. Deshalb sei die UNO Konferenz in New York schon ein Erfolg – auch wenn dort keinerlei bindende Beschlüsse gefasst werden könnten. Ein großes Manko.

Der grüne Senator für Umwelt und Energie, Jens Kerstan, erinnerte in der anschließenden Podiumsdiskussion an die Agenda 2030 mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen, eins davon gelte auch fürs Meer, das Ziel Nr. 14. „Das müssen wir im Auge behalten und sehen, was wir hier konkret in Hamburg tun können, um es umzusetzen.“
Neben Jens und den Vortragenden diskutierten Doris Lorenz von der Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein, die Meeresbiologin Nadja Ziebarth, BUND, moderiert wurde von Karin Heuer, umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.
Nadja Ziebarth kritisierte, dass Deutschland ja gern den Vorreiter abgäbe in Sachen Umweltschutz, in Wirklichkeit aber vielen Zielen arg hinterher hinke. Das sei bizarr und unglaubwürdig. Wenn bei Lidl zum Beispiel Garnelen preiswert angeboten würden, dann seien vorher Mangroven abgeholzt worden, um dann dort Garnelen in Aquakultur zu züchten. Es zählten nur die wirtschaftlichen Interessen. Der G20 Gipfel würde in dieser Hinsicht vermutlich auch nicht viel bringen, die konkrete Arbeit würde an anderer Stelle gemacht, da könne Herr Trump noch so viel twittern. Doris Lorenz hatte gerade mit den Kollegen, die die UN-Meereskonfernz in New York besuchten, telefoniert und berichtete von einer unglaublich guten Stimmung dort, es herrsche eine Atmosphäre der Euphorie und Freude, dass sich endlich so viele an einen Tisch gesetzt hätten. Auch wenn die amerkanische Umweltministerin nicht dabei war und die amerikanische Presse den Kongress völlig ignoriere. Die Szene sei gestärkt, was ja auch ziemlich wichtig sei. Leider gäbe es aber keine verbindlichen Regeln, alles was dort von über 150 Ländern beschlossen wurde, waren Absichtserklärungen. Steffi Lemke, Sprecherin für Naturschutz der Grünen-Bundestagsfraktion, bezeichnete das Abschluss-Papier denn auch als windelweich.

Die Bacalar-Lagune, Mexiko, leuchtet tagsüber in sieben Blautönen – auch am Abend wunderschön

Professor Latif kritisierte, dass der Atlas wichtig und richtig sei, aber nicht ausreiche. „Wir müssen die Faszination der Meere darstellen, wir können die Leute nicht nur fertig machen. Wir dürfen keine Verzichtsdebatte führen. Brauchen kleine Schutzzonen, in denen sich das Ökosystem erholen kann. Nur das, was man liebt, das schützt man auch!“

Naturschutzgebiet an der Rivera Maya – 2013 bestand der Sandstrand mancher Buchten bereits zu drei Prozent aus Mikroplastik

Zum Schluss gab es Brezeln und Brause im Foyer, wo auch die Künstlerin und Fotografin Nicola Rübenberg Werke aus ihrer aktuellen Ausstellung „OUT OF THE BLUE“ präsentierte. Zu sehen waren u.a. großformatige Meeressäuger, gemalt auf original Hamburger Kaffeesäcken (www.ruebenberg.de).

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