Hamburger mit Herz: Ergreifender Grünschnack zur Menschenrettung im Mittelmeer

Susanne und Gorden erzählen von ihrem Einsatz auf der Minden

Eine wirklich beeindruckende Frau: Die ausgebildete Seenotretterin Susanne Salm-Hain konnte die Bilder und Nachrichten von immer mehr ertrinkenden Menschen im Mittelmeer nicht mehr ertragen. Sie fand in Wilhelmshaven jemanden, der gerade ein Ex-Seenot-Rettungsschiff, die Minden,  gekauft hatte, und überzeugte ihn, dass es sinnvoll sei, dieses nicht in in eine Yacht zu verwandeln, sondern zur Seenotrettung von geflüchteten Menschen zur Verfügung zu stellen. Zunächst für drei Monate unentgeltlich auf Lesbos. Im Juni 2016 durfte sie die Minden dann nach Malta bringen, neu ausrüsten, organisierte eine ehrenamtlich arbeitende Crew und fuhr sofort los. Vor die Libysche Küste, dort wo Nacht für Nacht Menschen alles riskieren, um sich in Europa ein Leben aufbauen zu können. 70 % kommen aus der Sub-Sahara, nehmen den gefährlichen Weg durch die Wüste auf sich, verfolgt von Banditen, die es auf ihre Nieren oder andere Organe abgesehen haben und sie dafür gnadenlos umbringen, wenn sie sie finden. 30 % sind vor dem Krieg in Syrien, den Zuständen in Libyen oder in den Magreb-Staaten geflohen, sie haben meist ein wenig Gepäck dabei, während die Menschen aus der Sub-Sahara barfuß, nur mit den Sachen, die sie am Leib tragen, ins Boot steigen. Die meisten können nicht schwimmen. Die Männer sitzen außen auf dem Rand, Frauen  und Kinder in der Mitte. Oft auf hunderten von scharfen Bolzen, mit denen die Spanplatten, die den Schiffsboden bilden, notdürftig zusammengezimmert wurden. Wer ins Boot hineinstolpert, hat schon verloren, die anderen treten drauf, von den Schleppern wie Vieh vor sich her getrieben, schnell, schnell, jeder bringt 2000, 3000 oder sogar 4000 Euro cash, das nächste Boot muss auch noch befüllt werden. Immer schön aufs Licht zuhalten, da drüben ist Italien. Und ab!

Da draußen leuchtet aber nur eine Bohrinsel, weit weg von Italien. Das Benzin reicht meist, um gerade die 12-Meilen-Zone zu verlassen, dann treiben die Boote auf den Wellen. Salzwasser schwappt hinein, mischt sich mit Benzin, Erbrochenem, Urin, Fäkalien. Die Wände der einkammerigen Boote sind gerade mal 1,5 mm dick sind. Das Neueste: Billig-Boote aus China mit nur 0,8 mm Stärke, eine Niete an der Hose reicht, um die Luft rauszulassen. Schwimmwesten? Fehlanzeige. Wenn die Flüchtenden Glück haben, werden sie rechtzeitig von der Minden gefunden. Oder von einem der anderen 7 Boote, die zur Zeit vor der Libyschen Küste kreuzen. Die rufen dann die Seenotleitstelle in Rom an, die ein größeres Transferschiff losschickt. Meistens. Nicht immer.

Gorden Isler war bei einem dieser Rettungseinsätze dabei. Er ist eigentlich Kaufmann und Inhaber eines kleinen kaufmännischen Unternehmens in Hamburg-Bahrenfeld. Auf einem Schiff war er noch nie längere Zeit gewesen – und als er lernen sollte, das kleine Schlauchboot der Minden zu steuern, fiel ihm das extrem schwer. „Wir brauchen hier viele unterschiedliche Menschen“, sagt Susanne. „Neben einer professionellen Besatzung von Kapitän und Maschinist sind Notärzte, Rettungssanitäter, aber auch Menschen, die bisher keine Rettungserfahrung haben, im Einsatz.“ Und wenn es nur dazu ist, einem vor Angst und Kälte zitterndem Menschen die Hand zu halten.

Eine Rettungs-Aktion dauert immer 14 Tage, dann geht es zurück in den Hafen von Malta. Gorden hatte per Zufall von der Minden und ihren Einsätzen gehört. Susanne ist zwar die perfekte Organisatorin und Macherin. Nur eines kam ihr nicht in den Sinn: „Tue Gutes und rede darüber“, Öffentlichkeitsarbeit war nicht ihr Ding. Den Part hat Gorden übernommen. Er ist einer der Vorsitzenden im Verein „Hamburger mit Herz“ und verfasst nun Pressemitteilungen, nimmt Kontakt mit den Medien auf und sammelt Geld für weitere Reisen. Die ersten Rettungsfahrten hat die Crew nämlich aus eigener Tasche bezahlt. Und das Geld ist schnell aufgebraucht für Diesel, Ersatzteile, Lebensmittel Rettungswesten, Wärmedecken. Etwa 300 000 Euro verschlingen die Fahrten pro Jahr.

Wer Gorden und Susanne erleben will: es gibt einen Livestream vom Grünschnack, auf der Wandsbeker Facebookseite, herzlichen Dank an Marko Knudsen dafür!

Und wer spenden möchte: auf der Seite Hamburger mit Herz ist ein online-Konto genannt. Um Fluchtursachen zu bekämpfen, kann man auch für 30 Euro monatlich Pate werden und Kindern in einem kleinen Dorf in Äthiopien Zugang zu Bildung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung zu ermöglichen.

Ein Buchtipp von Gorden: Die neue Odyssee, eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise, Patrick Kingsley, 21,95 Euro

Verwandte Artikel