Kurzweiliger Kandidaten-Stammtisch

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Unsere beiden Wandsbeker Kandidaten, Oliver und Dennis (Mitte und rechts), bei der Fragerunde

Es war eine Idee von Manuel Sarrazin, dass sich alle Kandidat*innen für die grüne Landesliste in allen Bezirken vorstellen. Für Wandsbek fand das am Freitagabend in der Kreisgeschäftsstelle statt, zusammen mit der Vorstellung unserer Wandsbeker Kandidaten. Ehrlich gesagt, hatte ich einen langweiligen Abend mit viel Politik-Stanzen und wenig Konkretem befürchtet. So war es aber gar nicht.

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Dennis wurde per Münze ausgelost und durfte anfangen

Unsere Wandsbeker legten los, die Reihenfolge wurde ausgelost, Dennis durfte als Erster an den Stehtisch. Er ist demnächst mit seinem Steuerberater-Examen fertig – und Steuergerechtigkeit ist denn auch eins seiner Schwerpunktthemen. Genauso wie eine Reform des Erbrechts, die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und das Durchsetzen einer steuerfinanzierten Grundrente.

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Manuel Sarrazin, Kandidat für Platz 2, hört PV-Olli zu

Oliver ist es wichtig, dass wir Grüne uns gegenüber der AFD positionieren. Auch 1933 haben Rechte mit Propaganda und der Verbreitung von Unwahrheiten viele ins Boot geholt, deshalb möchte er Menschen bei ihren Ängsten abholen, im Gespräch bleiben. In der Bezirksversammlung wird er nur noch PV-Olli genannt, weil er bei jedem neuen Projekt zuerst nach der Photovoltaik, also der Solaranlage fragt.

Sowohl Dennis als auch Oliver betonten, dass sie sich selbstverständlich gegenseitig unterstützen würden, wer auch immer von ihnen als Kandidat für den Wahlkampf 2017 hervorginge (die Wahl findet am 4.November in der Kreisgeschäftsstelle statt). Nach der Vorstellung war Zeit für Fragen. Ich wollte wissen, wie die beiden mit Mehrgenerationenhäusern und Seniorenwohngemeinschaften umgehen. Immerhin ist Wandsbek der Stadtteil mit den meisten älteren Menschen – und bildet trotzdem das Schlusslicht bezüglich alternativer Wohnformen. Obwohl ein Bedarf da ist (siehe auch Blogbeitrag „Gut Wohnen im Alter“). Oliver schlug vor, verstärkt Grundstücke an Baugemeinschaften zu geben und Dennis hob die Bedeutung interkultureller Einrichtungen hervor.

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Manuel steht für Europapolitik und Anna will Gerechtigkeit im Land

Dann ging es weiter mit der Landesliste, Manuel machte mit Platz 2 den Anfang; Anja, die auf Platz 1 kandidiert, war leider nicht dabei. Er erzählte, dass er ursprünglich über das Thema Klimawandel zu den Grünen gekommen sei und dass es ihm natürlich immer noch wichtig sei, Naturlandschaften zu erhalten. Was jetzt gerade auch in seinem Wahlkreis, Harburg, in einem konkreten Fall erreicht worden war. Über das Europarecht könne man oft sehr viel erreichen, Umweltverbände seien deshalb besonders erfolgreich. Er warnte davor, zu sehr mit der SPD zu kuscheln, wir sollten uns lieber abgrenzen. Und für Griechenland wünscht er sich, dass einfach im Koalitionsvertrag festgeschrieben stünde: Griechenland bleibt in der EU, basta.

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Jenny Jasberg, rechts, will viel Energie in die Ansprache der Menschen stecken

Unsere grüne Landesvorsitzende Anna Gallina (Bild oben) kandidiert auf Platz 3, zusammen mit Jenny Jasberg (Bild links). Anna kommt aus einer politisch denkenden Familie und war zuerst bei den Falken, bevor sie später zu den Grünen kam. Der letzte Bundestagswahlkampf habe die Menschen überlastet, meint Anna. Die Frage: „Was tust du für mich?” wurde von uns Grünen nicht beantwortet. Das muss sich in diesem Wahlkampf ändern. Sie wünscht sich mehr Familienförderung, möchte Kinderarmut bekämpfen und das Ende des Ehegattensplitting – und TTIP und CETA dürften so nicht durchkommen.

Jenny ist in einem Kindergarten bei Brokdorf aufgewachsen, hat in Göttingen Arabistik studiert, war Praktikantin u.a. bei Rebecca Harms und Jürgen Tritten und betreut jetzt das Büro von Jan Philipp Albrecht. Sie habe, sagt sie, bisher vor allem zugearbeitet und für die Partei Übersetzungsarbeit geleistet, damit normale Menschen das, was intern in Parteisprache entwickelt wurde, auch verstehen. Bergedorf habe aber sehr wichtige Themen und sie möchte nun persönlich sichtbarer dafür eintreten. Angst macht ihr das Potential rechter Gedanken, das im Mainstream angekommen sei. Wir seien Teil des Projekts, das von immer mehr Menschenabgelehnt würde, wir bräuchten eine neue Ansprache für all die Menschen, die sich keine Wahlprogramme durchlesen. Und das funktioniere nicht auf der argumentativen Ebene.

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Johannes Müller ist Sprecher der Grünen Jugend, Meryem kommt aus HH-Mitte

Auch Johannes Müller, Sprecher der Grünen Jugend, war mal bei der SPD, bei den Jusos. Er kommt aus Bayern und ist hier in Hamburg dabei, sein Masterstudium zu machen. Er fragt sich: Dient die Wirtschaft den Menschen oder ist es nicht umgekehrt, müssen die Menschen bei uns der Wirtschaft dienen? Er möchte Wirtschaft sozialer gestalten; viele Menschen hätten Angst, ob es ihren Job in 10 Jahren überhaupt noch gäbe, vor unsicherer Rente und Ungleichbehandlung. Europa stehe für Stabilität, das müssten wir erhalten, aber besser erklären. Viele Menschen dächten, dass über ihre Köpfe hinweg regiert würde. Datenschutz sei viel mehr als der Schutz von Daten, es ginge um Gedankenfreiheit und Demokratie. Er kandidiert auf Platz 4.

Für Platz 5 sprach dann zum Schluss Meryem Celikkol aus Hamburg-Mitte. Sie ist bilingual aufgewachsen, türkisch-deutsch – und kann mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ nicht viel anfangen. Statt von Integration spricht sie lieber von Inklusion. Das sollte man viel weiter denken und nicht nur auf Behinderungen beschränken. Wie beim Urlaub: All inklusiv – alles sei drin. Bei der Flüchtlingspolitik wünscht sie sich, dass wir mehr auf Lebensbedingungen der Menschen achten, nicht nur auf die Quantitäten. Ihr 80-jähriger Vater mache im Übrigen in der Moschee Wahlkampf für sie, da die Grünen zur Zeit bei vielen Türken nicht besonders hoch angesehen seien. Das sei mal ganz anders gewesen, aber seit Erdogan von grüner Seite kritisiert würde, meinen viele Türken sich von ihnen distanzieren zu müssen. Das sei falsch verstandene Heimatliebe – und ihr Vater würde Menschen mit diesen Meinungen gehörig den Kopf waschen!

Eine lebendige Runde mit interessanten Ansätzen und Ideen. Die später hoffentlich für ganz viele gute Gespräche mit Hamburger*innen auf der Straße und bei Wahl-Veranstaltungen führen werden.

Und auch wenn die Chancen auf den hinteren Landeslistenplätzen eher gering bis unwahrscheinlich sind, waren sich alle Kandidat*innen sicher: Wenn der Ruf kommt, gehen wir nach Berlin!

 

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