Faszination Dschihad

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Bis auf den letzten Platz besetzt war der Hörsaal der Bucerius Law School bei der Diskussionsveranstaltung der ZEIT Stiftung

Der jüngste Krieger war dreizehn. 50 Hamburger*innen zogen bisher in den Dschihad, dreizehn von ihnen sind gestorben. Die Zeit-Stiftung diskutierte in der Bucerius Law School, warum der Dschihad gerade Jugendliche so fasziniert. Und lud dazu ein spannendes Expertenteam ein:

  • Lamya Kaddor, Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin
  • Elmar Theveßen, Stellvertretender ZDF-Chefredakteur, Terrorexperte
  • Wolf Walther, Leiter, Beratungsstelle Radikalisierung, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
  • Prof. Dr. Andreas Zick, Sozialpsychologe, Extremismusforscher
  • Moderation: Yassin Musharbash, Zeit-Redakteur

Allen Jugendlichen gemein sei ein Bruch im Lebenslauf, meinten die Experten. Sie lernten dann die falschen Leute kennen und rutschen immer tiefer hinein. Oft ohne es wirklich zu merken, meist geschehe die Kontaktaufnahme über whats-app-Gruppen.

Lamya Kaddors Einschätzung: Die Jugendlichen erfahren keine Wertschätzung, sondern fühlen sich von der Gesellschaft ungerecht behandelt. Unter der Flagge des Dschihad könnten  sie erstmals mit „legitimierter“ Gewalt für vermeintliche Gerechtigkeit sorgen. Ohne ihr Ohnmachtsgefühl gäbe es keine Radikalisierung.

Rekrutiert würden vor allem Jugendliche, die eigentlich nicht besonders religiös seien, ihnen könne man eben alles erzählen. Deshalb hält sie islamischen Religionsunterricht für sehr wichtig.

Deutsche mit Migrationshintergrund hätten oft keine wirkliche Identität. In Deutschland sind sie keine Deutschen, sondern Türken, in der Türkei keine Türken, sondern Deutsche. Da setzt ISIS an und sagt: “Du bist Muslim. Hier akzeptiert euch keiner, aber bei uns, da werdet ihr akzeptiert.“

Neuzugänge würden dann oft als Kanonenfutter in der ersten Reihe eingesetzt oder als Selbstmordattentäter in den schnellen Tod geschickt.

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Unter der Moderation von Yassin Musharbash fand eine spannende Experten-Diskussion statt- anschließend konnte das Publikum mitdiskutieren

Das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) hat eine Beratungsstelle mit Hotline eingerichtet, bei der sich besorgte Eltern, Lehrer oder Jugendlich informieren können. Seit 2012 hätte es dort über 2000 Anrufe gegeben. Bis Ende Dezember 15 seien 780 Deutsche in den Irak oder nach Syrien gereist, erklärte Wolf Walther. 250 seien wieder zurückgekommen, 130 gestorben. 1/3 seien Mädchen oder Frauen.

Anders als die jungen Männer würden die Mädchen überwiegend aus religiösen Gründen ausreisen.

Elmar Theveßen warnte vor dem Coolness-Faktor, den der Krieg auf Jugendliche ausstrahle und der sich über die sozialen Netzwerke verbreite. Einige kämen geschockt zurück, andere seien verroht, enthemmt, einige würden auch gezielt zurückgeschickt. “Wir dürfen nicht nur fördern wollen, sondern müssen den Jugendlichen Grenzen aufzeigen. Sonst haben sie das Gefühl, sie seien uns egal. “

Online kursieren e-books, die genaue Anleitungen gäben, wie der Krieg, der sogenannte Endkampf, in Europa zu führen sei. Dort heißt es: Sorgt für No-Go-Aereas, Gebiete, in die die Polizei nicht mehr reingeht. Bildet Muslim-Gangs. Genau das sei in Brüssel passiert.

Der Psychologe Prof. Zick erklärt den Ablauf der Radikalisierung in Stufen: Zuerst sei da das massive Ungerechtigkeitsempfinden, dann die starke Distanzierung und Präsenz auf öffentlichen Plätzen, um Räume zu besetzen, dann folge die Distanz vom Elternhaus. Es gäbe immer ein klares Schwarz-Weiß-Bild, die anderen sind das Böse.

Eltern sollten in solchen Situationen auf keinen Fall den Kontakt abbrechen, sondern immer im Gespräch bleiben, auch wenn es schwer fällt. Und sich Hilfe holen.

Sein Vorwurf: wir hätte schon längst handeln müssen, seit 9/11 sei klar, was passieren würde. Aber alle hätten weggeschaut. Ein Problem sei in diesem Fall unser Föderalismus: jedes Land schätze die Situation anders ein, es gäbe zu wenig Austausch.

In UK habe man sehr gute Beispiele für eine gelungene Deeskalierung, auch in Dänemark gäbe es ganzheitliche Konzepte. Prof. Zick wünscht sich deshalb  gezielte Weiterbildungsmaßnahmen für Polizei und Sozialarbeiter und mehr Kommunikation.

Eine Gesellschaft entwickele sich nur weiter durch die offene Austragung von Konflikten. Terror sei eine Herausforderung für die Demokratie.

Und die kann man nur gemeinsam schultern. Nach der Diskussion gab es noch viele gute Gespräche im Foyer, bei einem Glas Wein oder Wasser.

Buch-Tipp:  „Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“ von Lamya Kaddor

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